„Tag der Quellen“ und „Gespräche gegen das Vergessen“

Seit einigen Jahren findet im Umfeld des „Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ der „Tag der Quellen“ in München statt, eine Veranstaltung des Münchner Volkstheaters in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk, dem Institut für Zeitgeschichte und in diesem Jahr zusätzlich mit dem NS-Dokumentationszentrum.

Im Fokus der Veranstaltung steht der Versuch, Texte aus der Feder verfolgter Kinder und Jugendlicher aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust für Jugendliche unserer Generation aufzubereiten und gleichzeitig somit den Opfern eine Stimme zu geben. Diese „Texte gegen das Vergessen“ können dabei als szenisches Spiel, mit Musik, mit passenden Bildern oder als reiner Vortrag aufgeführt werden.
Zum zweiten Mal nahm auch unsere Schule im Rahmen des P-Seminars Israel teil. Hierfür bereiteten vier von uns Texte zum Vortrag vor. Bereits zwei Monate vorher arbeiteten wir umfangreiche Quellensammlungen durch, darunter waren sowohl Tagebucheinträge, als auch Gedichte oder einfache Berichte von Kindern, Jugendlichen und Studenten. Wir legten bei unserer Textauswahl unseren Schwerpunkt auf das Leben der Juden im Ghetto, hierfür wählten wir vier verschiedene Quellen aus, die unser Oberthema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.
Diese Texte sollten dann am 2. Februar auf der Bühne des Volkstheaters eine Stimme bekommen. Es war beeindruckend, wie viele Klassen aus München und der Umgebung teilnahmen und den Saal füllten – im Laufe des Tages waren es etwa 1000 Zuschauer. Nach der ersten Pause waren wir an der Reihe und so wurden die Geschichten von Halina Nelken, Yitskhok Rudashevski und Abba Kofner für kurze Zeit wieder lebendig.
Auf unsere Texte folgten die der anderen Schulen. Die Vorträge waren zwar sehr interessant, doch mindestens genauso bedrückend, denn durch die oft sehr persönlichen Quellen und den passenden Vortrag wurde die Zeit und das Leid der Menschen sehr real. Da die meisten Texte von Jugendlichen in unserem Alter waren, fühtlen sich plötzlich alle Probleme, die einen selbst so verfolgen, klein an gegen das, was sie erleben mussten. Die inhaltliche Ausrichtung der Vorträge wechselte, einige Schüler hatten sich am zweiten Schwerpunkt orientiert, die Verfolgung der Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus. Hier fand sich vor allem die Geschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, der als Kind das „Zigeunerlager Auschwitz“ und drei weitere Konzentrationslager überlebte und sein Leben als Zeitzeuge festgehalten hatte.
Am Abend sollten wir noch mehr über die Geschichte der Familie Höllenreiner erfahren, nämlich von seinem Cousin Mano Höllenreiner, denn nach einer Pause trafen wir uns erneut im Volkstheater für die Abendveranstaltung „Gespräche gegen das Vergessen“, die vom BR für das Fernsehen aufgezeichnet wurde.
Thema des Abends war ‚Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus‘; wir erfuhren, dass damals Sinti und Roma schrittweise entrechtet, ihren Lebensgrundlagen beraubt und schließlich in die Vernichtungslager deportiert wurden. Erst 1982 wurden die Verbrechen als Völkermord anerkannt.
Zuerst berichtete der Zeitzeuge Mano Höllenreiner aus seinem Leben, ein weiteres Mal bekamen wir die Realität, die Grausamkeit und alles, was mit dieser schrecklichen Zeit zu tun hatte, zu spüren. Er erzählte von seinem Leben und dem Schicksal seiner gesamten Familie und davon wie ihn das Erlebte bis heute verfolgt. Wir merkten wieder, wie wichtig es ist, dass solche Zeitzeugen ihre Geschichten mit anderen teilen.
Nach ihm lernten wir den Vorsitzenden des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, Romani Rose, kennen. Er setzte sich für die Gleichberechtigung der deutschen Sinti und Roma, für deren Schutz vor Diskriminierung und für die Aufklärung des historischen Stellenwertes des Völkermordes an den europäischen Sinti und Roma ein. Was er erzählte war so interessant, dass zwei von uns sogar nach der Veranstaltung zu ihm gingen, um noch weitere Fragen zu stellen.
Der dritte Gast war die Musikerin und Autorin Dotschy Reinhardt, die den Abend durch ihre Lieder musikalische begleitete. Sie erzählte von ihren Vorfahren, davon wie sie als Sinteza nach dem zweiten Weltkrieg aufgewachsen war, wie sie heute lebt und wie sie versucht davon in Musik und Büchern zu berichten.
Am Ende durften ausgewählte Schüler selber Fragen stellen, die sie am Nachmittag in einem Workshop mit Dotschy Reinhardt entworfen hatten, darunter auch zwei aus unserem Team. Wir lernten nicht nur den Unterschied zwischen Sinti und Roma sondern auch welche humanitären Werte die Gäste sich in der heutigen Zeit als Lehre aus der Geschichte wünschen.
Damit endete dieser interessante Tag der gleichzeitig bedrückend und beeindruckend war. Wir bekamen unzählige Eindrücke und neue Informationen, die uns auch danach noch beschäftigten.
Am 14. Februar besuchte das Seminar schließlich die letzte Aufführung des Theaterstücks „Ghetto“ von Joshua Sobol in der Regie von Christian Stückl am Volkstheater – ein Stück, das, auf Ereignissen im Ghetto Wilna basierend, die Frage nach dem moralisch richtigen Handeln des Individuums aufwirft und letztendlich unbeantwortet an den Zuschauer weiterreicht.
Das OvTG wir bestimmt auch nächstes Jahr dabei sein um den „Texten gegen das Vergessen“ eine Stimme zu geben.


Franziska Wolf, Q11


Hinweis:
Die Sendung „Gespräche gegen das Vergessen“ wird am Sonntag, 19. Februar um 21:45 Uhr auf ARD-alpha ausgestrahlt und ist danach in der ARD-Mediathek abrufbar.