Lesung und Gesprächsrunde mit Dr. Jan Mühlstein

Ein weiterer Programmpunkt des zweiwöchigen Israel-Schwerpunktes war, ebenfalls am 5. Dezember, der Besuch von Dr. Jan Mühlstein, dem ehemaligen Vorsitzenden der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München.

Herr Dr. Jan Mühlstein, aus einer deutschsprachigen böhmisch-jüdischen Familie stammend, musste nach seiner Beteiligung am Prager Frühling seine tschechische Heimat verlassen und studierte danach in Deutschland Physik, arbeitete in der Grundlagenforschung sowie als Journalist und wurde später einer der Gründer der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München, die die lange Tradition des liberalen Judentums in München, das mit der Zerstörung der Hauptsynagoge 1938 ein jähes Ende gefunden hatte, wiederbelebt.

Vor der gesamten 10. Jahrgangsstufe stellte er im Rahmen einer Lesung Auszüge aus dem Tagebuch seines Onkels, Peppo Mühlstein, vor, der 1939 illegal von Prag nach Tel-Aviv ins britische Mandatsgebiet Palästina zu emigrieren versuchte. Das Tagebuch beschreibt anschaulich die dramatische Reise von 625 jüdischen Flüchtlingen, die am 30. April 1939 mit der Zugfahrt von Prag nach Wien begann und zunächst über die Donau zum rumänischen Hafen Sulina ans Schwarze Meer führte. Von dort folgte eine Irrfahrt auf dem Dampfer Frossula durch das Mittelmeer und entlang der Levanteküste, die erst am 1. September 1939 - nach einem Beschuss durch das britische Militär - am Strand von Tel Aviv ihr spektakuläres Ende fand: Das Schiff Tiger Hill, das die Passagiere aufgenommen hatte, landete unmittelbar am Stadtstrand von Tel Aviv, die illegalen jüdischen Flüchtlinge wurden von den Bewohnen im Autokorso durch die Stadt gefahren. Doch das wirtschaftliche Überleben dieser Migranten war während des 2. Weltkrieges auch in Palästina nicht einfach. So gehörte Beppo zu den Juden, die nach Kriegsende wieder den Weg zurück nach Europa suchten, um sich dort auch den kranken Eltern, die mit viel Glück das KZ Theresienstadt überlebt hatten, zu widmen.
Heute erinnert am Stadtstand von Tel Aviv ein beeindruckendes Denkmal an die rund 120000 illegalen jüdischen Einwanderer in der britischen Mandatszeit, die auf zahllosen Schiffen den gefährlichen Seeweg nutzten. 2800 Flüchtlinge überlebten diese Reisen nicht.

Im zweiten Teil der Veranstaltung erläuterte Dr. Jan Mühlstein zu Beginn, warum das europäische Judentum sich seit der Aufklärung in eine liberale und eine orthodoxe Richtung aufgespalten hat. Im Anschluss daran räumte er mit weit verbreiteten Mythen, etwa von der angeblichen Steuerfreiheit der jüdischen Mitbürger, grundlegend auf und beantwortete präzise und gut verständlich das vielfältige Spektrum an Fragen, das das Publikum an ihn richtete, etwa zur jüdischen Perspektive auf ethische Streitfragen wie Abtreibung und Sterbehilfe.

Den bereichernden Dialog mit der Liberalen jüdischen Gemeinde in München werden wir sicherlich in den nächsten Jahren fortführen.

Markus Greif für das P-Seminar Israel