„Ich wollte zum ersten Mal in meinem Leben ein Buch lesen“ - Eine Exkursion zur Internationalen Jugendbibliothek auf Schloss Blutenburg

Bücherlesen als Zeitvertreib? Es scheint, als würde diese Form der Unterhaltung für die junge Generation kaum noch eine Option darstellen. Aber trügt der Schein? Im Rahmen unseres P-Seminars „Podcasts Literatur“ haben wir gemeinsam mit der 6. Klasse des Deutschlehrers Herrn Kraus die Internationale Jugendbibliothek in München besucht.

Dabei bestand unser Ziel darin, herauszufinden, inwiefern Lesen heute noch eine Rolle im Leben von Kindern spielt. Darüber hinaus hofften wir, all den Kindern, die dem Lesen eher skeptisch gegenübergestanden hatten, einen neuen Zugang zur wundervollen Welt der Bücher zu schaffen.

Wir begannen die Exkursion um acht Uhr morgens in der Großen Aula der Schule. Von dort aus machten wir uns teils zu Fuß, teils mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg zum Schloss Blutenburg in München, in welchem die Internationale Jugendbibliothek untergebracht ist. Während der Anfahrt ergriffen wir die Gelegenheit, uns ein wenig mit den Sechstklässler:innen über ihre Lesegewohnheiten sowie ihre Erwartungen an den bevorstehenden Ausflug auszutauschen. Zu unserem Erstaunen stellten wir fest, dass das Lesen weniger ausgestorben war, als wir bisher angenommen hatten. Die meisten Kinder berichteten, täglich mindestens 20 Minuten bis hin zur einer Stunde zu lesen. Dabei bevorzugten die meisten die Zeit kurz vor dem Einschlafen oder direkt nach dem Aufwachen.

Allgemein beliebt unter Schüler:innen waren Klassiker wie „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“, aber auch verschiedenste Comics, u. A. „Lustiges Taschenbuch“, „Greg’s Tagebuch“ sowie japanische Mangas. Dennoch gab es auch einige Kinder, die von sich selbst behaupteten, Bücher prinzipiell abzulehnen. Diese galt es also, zu überzeugen. An der Blutenburg angekommen, wurden wir von Frau Kuse, der Führerin unserer Exkursion, herzlich in Empfang genommen.

Sie begann die Führung mit einem Vortrag in der Leseecke, in dem sie den Kindern von der außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte der Bibliothek erzählte. Gegründet worden war die Bibliothek im Jahre 1949 von der jüdischen Kinderbuchautorin und Journalistin Jella Lepmann.

Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die durch den Krieg traumatisierten und durch die nationalsozialistische Erziehung indoktrinierten Kinder und Jugendlichen zu kümmern: „Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam ins Lot zu bringen. Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen.“ Da Lepmann nicht die finanziellen Mittel zur Ausstattung der Bibliothek zur Verfügung standen, rief sie internationale Verlage zu Buchspenden auf. Zahlreiche Verlage folgten diesem Aufruf, sodass die Internationale Jugendbibliothek binnen kürzester Zeit mit einem Bestand von 8.000 Bänden in einer Villa in der Münchner Innenstadt eröffnet werden konnte. Noch heute werden jährlich zahlreiche Bücher auf freiwilliger Basis gespendet. Über die Jahre hat sich ein Bestand von rund 500.000 Büchern angesammelt, weshalb die Bibliothek vergrößert, und in ein neues Gebäude verlegt werden musste: Schloss Blutenburg.

Nach diesem kurzen Einblick in die Geschichte der Jugendbibliothek konnten die Kinder es kaum abwarten, in den vielen Büchern verschiedenster Sprachen zu stöbern. Es war schön, mitanzusehen, wie fasziniert die Kinder auf Ausgaben der ihnen bekannten Bücher in fremden Sprachen reagierten. Beispielsweise freuten sich zwei Mädchen sehr über eine schwedische Ausgabe von „Pettersson und Findus“, der Originalsprache des Buches. Die Jungen hingegen waren allgemein gefesselt von Büchern in Sprachen mit unbekannten Schriftzeichen, wie Japanisch oder Russisch.

Nach ausgiebigem Stöbern und Auskundschaften von neuen Büchern führte uns Frau Kuse durch das im Obergeschoss des Schlosses untergebrachte Erich- Kästner-Museum. Erstaunt stellten viele Kinder fest, dass sie Kästners bekannteste Titel wie „Momo“ oder „Die unendliche Geschichte“ zwar durchaus kannten, ihnen die Bandbreite seines literarischen Schaffens jedoch nicht bewusst gewesen war. Dies machte uns deutlich, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche auch an ältere Klassiker, wie beispielsweise Bücher von Kästner oder auch Enid Blyton, heranzuführen, damit deren Werke nicht in Vergessenheit geraten. Abgerundet wurde unsere Führung schließlich mit einem kurzen Besuch der Schlosskapelle. Danach verabschiedeten wir uns von Frau Kuse und traten den Heimweg an.

Auf der Rückfahrt hatten wir erneut Gelegenheit, mit den Kinder zu kommunizieren und den Ausflug gemeinsam zu reflektieren. Generell fiel die Rückmeldung der Kinder sehr positiv aus. Gerne ha?tten sie aber mehr Zeit gehabt, weiter in den Büchern zu stöbern. Viele sagten, dass sie auf jeden Fall noch einmal zur Bibliothek zurückkehren und diese auch öfter besuchen würden, wenn die Anfahrt nicht so lange und kompliziert wäre. Ein Junge, der Bücher sowie das Lesen allgemein zu Beginn der Exkursion als langweilig und überflüssig abgetan hatte, stellte selbst ganz überrascht fest, dass er „zum ersten Mal in [seinem] Leben ein Buch lesen [wollte].“ Besonders dieses Zitat hat uns beide persönlich sehr gefreut und bestätigt, dass die Absicht, die hinter dem Ausflug gestanden hatte, erfolgreich in die Tat umgesetzt worden war.

Abschließend äußerten viele Schülerinnen den Wunsch, dass unsere lokale Schulbibliothek unbedingt erweitert und verschönert werden sollte. Denn so würden sie diese wahrscheinlich eher besuchen, dort mehr Zeit verbringen sowie von sich aus Bücher ausleihen und lesen. Wenn man erreichen möchte, dass das Lesen wieder so populär wird, wie es einst war, so gilt es, solchen Wünschen nachzukommen und sie in die Realität umzusetzen.

 

Leonie Pecka