„Lernt viel und werdet dabei immer menschlicher!“

Diesen Rat neben vielen anderen Gedanken gab Alfred Grosser vergangenen Montag, 3. April 2017, den Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschülern der Q11 mit auf ihren Lebensweg.

Der vielfach ausgezeichnete emeritierte Professor des renommierten Pariser Instituts für Politische Studien und Autor von 37 Büchern sprach vor, aber hauptsächlich mit den angehenden Abiturientinnen und Abiturienten. In fast eineinhalb Stunden fanden viele Themen Platz: persönliche, aber auch historische und weltpolitische.

Ausgehend von der eigenen vielschichtigen Identität, forderte der 92-Jährige seine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer auf, herauszufinden, wer sie sind. Nur die Erkenntnis über die eigene Identität und ihrer Vielgestaltigkeit sowie die eigene Privilegiertheit kann verhindern, Pauschalurteile zu fällen und auf andere mit dem Finger zu zeigen. Wichtig, so Grosser, ist eine Differenzierung, sowohl in Bezug auf Menschen als auch auf Sachverhalte.
Durch seine direkte, freundliche und auch schelmische Art gelang es ihm sehr schnell, mit seinem jungen Publikum ins Gespräch zu kommen. Er beantwortete Fragen zum Umgang mit dem aufkommenden Populismus, zur NS-Zeit, zu den bevorstehenden Wahlen in Frankreich, zum Brexit, zu Diskriminierung und Fremdenhass, zu Glaube und Religion, zu Trump und Erdogan, zum Verhalten in Zeiten der Terroranschläge, und auch zu Europas Zustand und Zukunft. Schonungslos, mit Blick auf fast ein ganzes Jahrhundert, legte er seine Sichtweise auf das Zeitgeschehen dar, immer anhand von eigenen Erlebnissen und Anekdoten, nicht selten von prominenten Politikern.
Deutliche Kritik übte er an den Medien: sie berichteten oft undifferenziert und einseitig. Alfred Grosser bezieht sich dabei auf die Berichterstattung im Zusammenhang mit islamistischem Terror oder auch in Bezug auf europäische Themen. Ängste würden gerne geschürt, Positives – wie zum Beispiel das große Fest zum 50. Geburtstag des Deutsch-Französischen Jugendwerks in Paris – blieben ohne Beachtung.  Auch in Werken und Ausstellungen zum Zweiten Weltkrieg werden zuweilen kleine Lichtblicke dieser Zeit vernachlässigt. Details, die aber für ein differenziertes und realistisches Bild der Epoche nötig wären.
Er zeigte auch, wie man als überzeugter Atheist mit den Vertretern der Religionen zusammenarbeiten kann. Er verweist auf seine katholische Frau, die auch im Publikum saß, und mit der er – wie er nicht ohne Stolz erzählte – seit 58 Jahren verheiratet ist. Hass schürt Hass, das beste ist, ihn nicht mit anderen mitzuempfinden.
Wachheit, Differenzierung, Toleranz und Menschlichkeit – diese vier Prinzipien, die in diesem Gespräch immer wieder durchschienen, wurden den beeindruckten Zuhörerinnen und Zuhörern immer wieder vor Augen geführt.
Alfred Grosser sieht jedoch in den aktuellen Problemen auch eine Chance. Die Wahlen in den Niederlanden bezeichnete er als „Hoffnungsschimmer“. Auch für Frankreich geht er davon aus, dass Marine Le Pen letztendlich nicht die neue Präsidentin Frankreichs sein wird. Und Europa? Die Bedrohungen haben einen Vorteil: Europa muss zusammenbleiben, um den Gefahren gemeinsam zu widerstehen.
Auch im hohen Alter hat Alfred Grosser nicht an Klarheit eingebüßt, er bleibt Aufklärer und Warner zugleich.
Wir danken Herrn Dr. Thorel (Leiter des Institut Français München), dass er uns diese besondere Begegnung ermöglicht hat – sie wirkt noch nach!

Sabine Mönch