Zeitzeugengespräch mit Abba Naor

„Wer sich seiner Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt sie zu wiederholen“ - George Santayana (spanische Philosoph)

Beinahe zwei Jahre sind vergangen, seitdem Abba Naor unsere Schule zuletzt besucht hatte. In diesem Jahr bot sich für die Schülerinnen und Schüler der 10. Jahrgangsstufe die Gelegenheit, seiner bewegenden Geschichte zu folgen. Es ist ein Privileg, Abba Naor, der dieses Jahr in Begleitung seines achtzehnjährigen Urenkels nach Deutschland reist, persönlich zu treffen und die Schilderung seiner Erlebnisse direkt von ihm mitzuerleben.

Nachdem unsere Direktorin Frau Wischnevsky einleitende Worte an die versammelte Schülerschaft gerichtet und Abba Naor vorgestellt hatte, begann dieser mit seiner Geschichte. Er berichtete von seiner Kindheit in Litauen und seiner Familie, die in der Stadt Kaunas lebte, bis der Krieg sie zur Flucht im eigenen Land zwang und im Ghetto von Kaunas ein vorläufiges Ende fand.

Seine Mutter und seine zwei Brüder überlebten die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten nicht. Abba Naor und sein Vater wurden in die Außenlager des Konzentrationslagers Dachau gebracht, während seine Mutter und sein kleiner Bruder nach Auschwitz deportiert wurden. 

Er erzählt dies weder vorwurfsvoll noch mit Bitterkeit. Im Gegenteil, er bringt die gebannt lauschenden Zuhörer durch seine humorvolle Art hier und da zum Lächeln. Dennoch könnte seine Botschaft nicht ernster sein. Es ist die Geschichte eines Holocaustüberlebenden, der unvorstellbares Leid erlebt hat und selbst dem Tod nur knapp entkommen ist.

Abba Naor wurde am 2. Mai 1945 durch die Amerikaner befreit, nachdem er neun Tage lang vom Lager Dachau Richtung Alpen laufen musste. Dieser Marsch ist auch als Dachauer Todesmarsch bekannt. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges fand Abba Naor seinen Vater wieder. Er beschreibt diesen Tag als einen der glücklichsten in seinem Leben.

Wir Schüler können uns kaum vorstellen, was Abba Naor widerfahren ist, als er in unserem Alter war. Aber wir können mit ihm fühlen, während er für uns erneut die schrecklichsten Jahre seines Lebens durchlebt. Kein anderer Redner konnte bisher die Schülerinnen und Schüler derart fesseln, wie es Abba Naor gelingt. Dies mag an seiner unfassbaren Geschichte liegen, aber es liegt gewiss auch an Abba Naors Persönlichkeit. Zweifelsfrei ist er ein Mensch, dem alle Anwesenden mit ihrem tiefsten Respekt begegnen. Ruhig und interessiert folgten die Zuhörer seinem Vortrag, welchen hoffentlich keiner jemals vergessen wird.

Aus der Begegnung mit einem Zeitzeugen müssen Zweitzeugen hervorgehen, die diese Geschichte weitererzählen. Das ist unsere Aufgabe.

Tristan Mayr und Lukas Weißenfels für das P-Seminar Israel