Tag der Quellen & Gespräche gegen das Vergessen

Als junge Tradition findet der „Tag der Quellen“ in München statt, veranstaltet durch das Münchner Volkstheater in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk, dem Institut für Zeitgeschichte und in diesem Jahr auch dem Staatsarchiv München.

Der Tagesablauf ist untergliedert in ein Vormittags- und Abendprogramm. Im Mittelpunkt der Vormittagsveranstaltung steht, Erlebnisse aus Tagebucheinträgen, Briefen und Aufzeichnungen verfolgter Kinder und Jugendlicher aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes für Jugendliche aufzubereiten und gleichzeitig den Texten und damit auch den Opfern des Holocaust eine Stimme zu leihen. Den Schülern stehen fast keine Grenzen in ihrer Kreativität im Wege, wie sie den Vortrag gestalten möchten.

Zum dritten Mal nahm unsere Schule im Rahmen des P-Seminars Israel teil. Hierfür bereiteten vier Schüler Texte für einen Vortrag vor. Bereits einige Zeit vorher arbeiteten wir umfangreiche Quellensammlungen durch, darunter waren sowohl Tagebucheinträge, als auch Gedichte oder Berichte von Kindern und Jugendlichen, und trafen unsere ganz persönliche Auswahl.

Diese Aufzeichnungen haben dann am 20. März auf der Bühne des Volkstheaters eine Stimme verliehen bekommen. Relativ kurz nach Beginn der Veranstaltung waren wir an der Reihe und so wurden die Geschichten von Sonja Amburg, Zoja Chabarova und vieler weiterer junger Opfer für einen kurzen Moment wieder lebendig.

Auf unseren Vortrag folgten die zahlreicher anderer Schulen. Die Vorstellungen waren sehr interessant und unfassbar erschütternd, denn durch die sehr persönlichen Quellen und den passenden Auftritt wurden die Erlebnisse und das Leid der Menschen für die Zuschauer und Zuhörer sehr real. Die Art der Darbietung wechselte, einige Schüler führten ein Schauspiel vor, andere spielten Musik oder legten den Fokus auf das Vorlesen.

Als Fazit der Vormittagsveranstaltung lässt sich sagen, dass es sich um eine äußerst wichtige und interessante Veranstaltung handelt, bei der es eine Ehre war mitwirken zu dürfen.
In einer Nachmittagsrunde entwickelten Schülerinnen und Schüler der beteiligten Klassen Fragen für die anschließende Abendveranstaltung. Diese bestand aus der Aufzeichnung der „Gespräche gegen das Vergessen“, zu der unser Seminar wie die anderen Teilnehmer der Vormittagsveranstaltung als Ehrengäste eingeladen waren. Nach musikalischem Einstieg mit der Hip-Hop-Band „Microphone Mafia“ der 93-jährigen Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano, die eine der Gäste der Gesprächsrunde war, begann das Gespräch, moderiert von Andreas Bönte, zunächst mit Bejaranos Lebensgeschichte. Sie erzählte vom Mädchenorchester in Auschwitz, in dem sie spielen musste, von Deportation, Furcht und fatalen Fehleinschätzungen. So war ihr Vater, als deutscher Soldat Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg, der Überzeugung, ihnen könne nichts passieren, fühlte er sich doch als deutscher Patriot, der im Krieg bereit gewesen war, sein Leben für sein Vaterland zu opfern. Die erdrückende Wirkung auf das überwiegend junge Publikum war deutlich spürbar, obwohl man ähnliche Geschichten bereits aus dem Unterricht kennt, waren wir erschüttert und gerührt von dieser Frau, die ihrem Alter zum Trotz jährlich fast 200 Auftritte auf sich nimmt, in Schulen geht, Musik macht und mit einer unglaublichen Energie an die Leidensgeschichte ihrer Familie und ihres Volkes erinnert. Wir hatten das Glück und die Ehre sie als eine der letzten Zeitzeuginnen erleben zu dürfen, sind durch diesen Abend zu „Zweitzeugen“ geworden, und werden ihre Geschichte für sie weitertragen.

Die weiteren Gäste des Abends waren Frau Prof. Dr. Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts, Herr Dr. Dietrich Kuhlbrodt, ehemaliger Oberstaatsanwalt und Christian Springer, Kabarettist und seinerzeit „Nazijäger“. Im Zentrum stand nun die nicht erfolgte Entnazifizierung und juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Von der ‚Rattenlinie‘, mit der ranghohe Nazis, gestützt durch Kräfte im Vatikan, flohen, über die Verhinderung der Verurteilung von Massenmördern durch die deutsche Justiz bis zur mutmaßlichen Abschirmung und Finanzierung von Alois Brunner, verantwortlich für mindestens 120.000 Tote, durch den deutschen Geheimdienst. All das kollidierte mit unserem Bild von einer modernen, freiheitlich-demokratischen Bundesrepublik, in der wir aufgewachsen waren, es veränderte unseren Blick auf die junge BRD und erinnerte uns, dass nach 1945 nicht einfach ein Schalter umgelegt wurde, und es erinnerte uns an unsere historische Verantwortung, wie Esther Bejarano sagte: „Ihr seid nicht schuld an dem was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr euch nicht dafür interessiert.“

Insgesamt war der Tag der Quellen eine tolle Veranstaltung, die uns bereichert und inspiriert hat, vor allem Frau Bejarano war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, von der wir durch ihre ganze Art beeindruckt waren.
Vielen Dank an das Volkstheater München, den BR und das Institut für Zeitgeschichte, die diesen Tag erst möglich gemacht haben, unser Dank gilt natürlich auch den Gästen der Gesprächsrunde am Abend und Herrn Greif, der uns die Teilnahme am Tag der Quellen ermöglichte.

Die Abendveranstaltung strahlte ARD-alpha am 11. April aus, die Sendung ist in der Mediathek unter folgendem Link abrufbar: http://www.ardmediathek.de/tv/Gespr%C3%A4che-gegen-das-Vergessen/Im-M%C3%BCnchner-Volkstheater/ARD-alpha/Video?bcastId=51567564&documentId=51567584

Jonathan Koch & Sascha Oestereich (für das P-Seminar Israel)